From the magazine LSR 1/2019 | S. 2-2 The following page is 2

Alle können kommunizieren, sollten aber (besser) nicht

Warum habe ich mich für die Pharmaindustrie entschieden und nicht für eine andere, weniger stark regulierte Industrie? Diese Frage habe ich mir in den letzten Jahren mehrfach gestellt. Sicher, die Frage ist etwas ketzerisch, denn der Life Science Bereich ist äussert spannend und es ist motivierend zu wissen, dass dank dieser Industrie das Leben vieler Menschen gerettet oder verbessert werden kann. Dennoch komme ich nicht darum herum, ab und zu etwas neidvoll auf andere, weniger regulierte Industrien zu schielen, die ihre Produkte wortreich feilbieten können.

Die Pharmaindustrie ist eine ganz andere Welt. So muss man sich auch in der Kommunikation im Dschungel der internationalen und lokalen Regulierungen und Gesetze zurechtfinden. Dass man als Pharmafirma nur mit Fachleuten über verschreibungspflichtige Medikamente (Rx) kommunizieren darf, scheint naheliegend. Neue Studienresultate an einem Medizinkongress zu präsentieren, ist ebenfalls einleuchtend. Eine Pressemitteilung an Medien und Analysten zu verschicken normal. Dass man eine Pressemitteilung, mit Inhalt zu einem Rx Produkt, nicht einfach automatisch auf allen möglichen Online- und Social Media-Plattformen aufschalten darf, da der Inhalt dann dem breiten Publikum zugänglich ist, ist manchen Dienstleistungsanbietern nicht bewusst. Daher müssen Standardprodukte wie beispielsweise Datenbanken für den Versand von Pressemitteilungen meist entsprechend angepasst werden.

Dank dem breiten Angebot an Online und Social Media Möglichkeiten kann man als Pharmafirma einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und Sensibilisierung über Krankheiten leisten. Allerdings sollten diese Aktivitäten nicht als Marketinginstrument, sondern als Teil der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit – und den Betroffenen – gesehen werden. Auf welchen Social Media Plattformen es Sinn macht, als Unternehmen präsent zu sein, muss jede Firma für sich entscheiden und sollte in der Kommunikationsstrategie entsprechend ausgearbeitet sein. Klar ist, dass es ohne eine Online Präsenz heute nicht mehr geht, und gerade deshalb muss offline alles bereit sein, bevor man erfolgreich online gehen kann: Social Media Strategie, (interne) Richtlinien, die aufzeigen, was man darf und was nicht (‘Dos and Don’ts’), und ein fein abgestimmtes Monitoring System.

Eine wichtige Zielgruppe in einem Unternehmen sind die Mitarbeitenden. Nicht nur leisten sie einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg, sie sind auch die besten Firmenbotschafter. Darum ist es unerlässlich, die Belegschaft regelmässig zu informieren, weiterzubilden und für wichtige Themen zu sensibilisieren. Gerade in der heutigen Welt, in der jede und jeder News, Bilder oder Videostreams innert Sekunden mit der Öffentlichkeit teilen kann, muss den Mitarbeitenden klar sein, was sie dürfen und was nicht. Eine interne Firmenmitteilung auf LinkedIn weiterzuverbreiten ist genauso unangebracht, wie eine Pressemitteilung über Twitter weiterzuleiten. Information, Aufklärung, regelmässige interne Weiterbildung – am besten mit einem E-Learning-Program – und Vertrauen, das sind die Massnahmen, die helfen, die Firma und ihre Reputation zu schützen. Das Bewusstsein für den sorgfältigen Umgang mit Kommunikationsinstrumenten bei neuen Mitarbeitenden gleich zu Beginn zu schärfen, die Belegschaft regelmässig im Umgang mit Information und den verschiedenen Kanälen zu schulen und ein offenes Ohr für Fragen und Anregungen zu haben, sind wichtige Faktoren.

Aus all diesen Gründen ist eine enge Zusammenarbeit zwischen der Kommunikation und der Rechtsabteilung – nicht nur, aber gerade in der Pharmabranche – eminent wichtig. Oft stellen sich Fragen oder Probleme, deren Antworten oder Lösungen komplex sind. Gemeinsam findet man meist einen Ansatz, hinter dem alle Beteiligte stehen können und somit auch mittragen.

Damit man gut gerüstet ist, abschliessend ein paar Tipps:

  • Branchenkenntnis kann man sich aneignen, es ist jedoch sicher von Vorteil, ein Grundwissen in den Life Sciences mitzubringen.
  • Immer auf dem letzten Stand sein und sich über die regelmässigen Anpassungen der verschiedenen Gesetze im Zulassungs- und Anwendungsbereich informiert halten.
  • Regelmässiger Austausch mit den Branchenverbänden.
  • Im Bereich der sozialen Medien gilt: ‘Walk before you run’.
  • Weiterbildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Kommunikation und hilft, dass man am Ball bleibt mit den verschiedenen Neuerungen und Trends.
  1. * Die Autorin hatte in den letzten 15 Jahren verschiedene leitende Kommunikationsfunktionen in der Pharma- und Biotechindustrie inne, unter anderem als Head Global Communications & Public Affairs bei Vifor Pharma und Head of Corporate Communications bei AC Immune.
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